Ich wäre gerne Vater – die gesellschaftlichen Rollenverhältnisse von Eltern

Kaukasischer Mann hat ein kleines Kind auf dem Arm und gibt ihm einen Kuss

Um mich herum ist das Thema Kinder derzeit weit verbreitet – mein Bruder und seine Frau bekommen innerhalb des nächsten Monats ihr zweites Kind, meine Cousine hat ihre Schwangerschaft letzte Woche angekündigt und eine gute Freundin hat mich mit ihrem Neugeborenen besucht. Ich bin froh, dass meine ganz engen Freundinnen dieselbe Einstellung zu Kindern haben: Keiner von uns hat Interesse daran, innerhalb der nächsten zehn Jahre Kinder zu bekommen. Ehrlich gesagt, wissen wir alle nicht, ob wir überhaupt Kinder wollen.

Frauen wollen Kinder – das wird als Fakt betrachtet

Damit brechen wir natürlich alle schonmal eine Erwartung in der Gesellschaft. Von Frauen wird erwartet, dass Familienplanung für sie oberste Priorität hat. Im letzten Sommer hatte ich eine Unterleibsoperation. Danach kam der Chirurg zur Nachbesprechung zu mir und teilte mir mit, ich solle bald Kinder bekommen. Er hat nicht gefragt, ob ich welche haben möchte oder wie meine Pläne im Allgemeinen aussehen, sondern mir einfach gesagt – noch nicht einmal geraten oder empfohlen – bald ein Kind zu bekommen.

Sogar Ärzte schreiben uns ab, uns selbst gegen Kinder entscheiden zu können

Zum Hintergrund: Ich habe eine Krankheit, die zur Unfruchtbarkeit führen kann. Unter einigen Ärzten wird außerdem die Meinung vertreten, dass das Gebären eines Kindes die Krankheit „heilen“ kann. Ich halte das für Bullshit. Meine Mutter hat dieselbe Krankheit und die Tatsache, dass sie meinen Bruder und mich selbst ausgetragen hat, hat an der Krankheit nichts geändert. Tatsächlich schlug sie einen anderen Weg ein: Mit 35 hat sie sich die Gebärmutter entfernen lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie zwei jugendliche Kinder und einige Operationen hinter sich. Trotzdem wollten die Ärzte die Entfernung verweigern. Begründung: Vielleicht will sie ja doch noch Kinder. Wie in einer Ärzteserie musste meine Mutter eine beeindruckende Rede halten, um zu beweisen, dass sie in der Lage ist, sich für einen Eingriff zu entscheiden, durch den sie keine Kinder mehr austragen können wird.

Die Rolle der Mutter in dieser Gesellschaft

Das ist also die Basis: Von Frauen wird prinzipiell erwartet, dass sie Kinder wollen. Wer sagt, er wolle keine, wird korrigiert: „Du willst JETZT noch keine Kinder.“ Frau und Mutter wird fast gleichgesetzt. Dass eine Frau ihre Kinder (wenn sie dann welche hat) immer vor alles andere stellen wird, ist auch ein Klischee. Dass Frauen ihre Karriere und persönliche Weiterentwicklung gerne hintenanstellen. Dass Frauen ihre Kinder mehr als alles andere lieben, mehr als sich selbst, und sie niemals im Stich lassen werden. Eine Frau, die ihre Kinder vernachlässigt, wird schwer verurteilt. Eine Frau, die ihre Kinder verlässt, wird sich kaum trauen, anderen davon zu erzählen. Wenn die Eltern sich trennen, wird erwartet, dass die Frau (in einer nicht-heteronormativen Beziehung diejenige, die das Kind ausgetragen hat) das Sorgerecht für das Kind am meisten haben will und haben sollte. Die Tatsache, dass ein Kind im Körper einer Frau herangewachsen ist, führt zu der Annahme, die Bindung zwischen ihr und dem Kind sei am größten.

News Flash: Das ist Schwachsinn

Manche Frauen wollen tatsächlich keine Kinder. Manche Frauen legen mehr Wert auf ihre Karriere oder andere Aspekte ihres Lebens. Manche Frauen bekommen Kinder und haben eine geringe oder gar keine Bindung zu dem Kind. Manche Frauen bekommen Kinder und wünschen sich, sie hätten keine. Manche Personen haben ein Kind ausgetragen und sind gar keine Frauen.

Ich wäre gerne Vater

Ich persönlich wäre gerne Vater oder genauer gesagt: Die Person, die ein Kind nicht selbst austrägt. Wenn ich eine Partnerin hätte, die ein Kind austragen will, dann wäre ich dabei. Ich müsste meinen Körper nicht 9 Monate lang den Bedürfnissen eines anderen Lebewesens anpassen und auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten, Schmerzen, Müdigkeit und Übelkeit aushalten und bei jeder Krankheit abwägen, ob ich ein Medikament einnehmen darf oder nicht. Ich müsste das Kind nicht stillen, wäre nicht eine Zeit lang seine einzige Nahrungsquelle und damit direkt für das Überleben dieses Wesens verantwortlich. Und hier reden wir gerade mal vom Anfang des Lebens eines Kindes.

Väter können einfach weglaufen

Ich bin nicht von meinem Erzeuger großgezogen worden. Meine Mutter hat sich früh getrennt und einen neuen Mann kennen gelernt und mein Erzeuger hatte wenig Interesse daran, Kontakt zu mir oder meinem Bruder zu halten. Übrigens auch nicht zu unserem älteren Halbbruder, den er zuvor schon mit einer anderen Frau gezeugt hatte. In meinem Umfeld gibt es viele Menschen, die nicht von ihrem leiblichen Vater aufgezogen worden sind und auch einige Männer, die ihre eigenen Kinder nicht aufziehen. Ich kenne keine Frau, von der ich wüsste, dass sie ihr Kind nicht aufgezogen hat. Manche Menschen in meinem Umfeld sind ab einem gewissen Punkt von ihrem Vater erzogen und ernährt worden, aber in den Fällen haben sich die Eltern auch erst recht spät getrennt und das Kind konnte sich selbst entscheiden. Mit 18 habe ich mit meinem Erzeuger einen Kaffee getrunken und er sagte mir ins Gesicht: „Ich habe keine Kinder.“ Stell dir mal vor, eine Mutter würde so etwas sagen. Das würde einen Shitstorm auslösen. Männer werden meiner Erfahrung nach auch nicht dafür verurteilt, ihre Kinder nicht großzuziehen. Gefühlt findet ein Mann, der Kinder hat, diese aber nicht erzieht und faktisch sogar ignoriert, eher einen neuen Partner oder eine Partnerin, als eine Frau, die ihre Kinder allein großzieht. Eine Frau, die Kinder hat, diese aber krass ausgedrückt im Kinderalter verlassen hat, wird es vermutlich noch schwerer haben.

Weniger Pflichten bedeutet weniger Rechte

Ich will hier gar nicht einseitig sein. Elternteile, die ihr Kind nicht selbst zur Welt gebracht haben, also nicht die biologische Mutter sind, werden vom Rechtssystem auch ziemlich gefickt. Das gilt für Väter und noch extremer für Stief-, Pflege- oder Adoptiveltern und in nicht-heterosexuellen Konstellationen ganz besonders.

Während einer biologischen Mutter unterstellt wird, sie habe eine enorme Bindung zum Kind, wird dem/den anderen Elternteil/en unterstellt, die Bindung sei geringer, das Verantwortungsbewusstsein sei geringer, das Kind habe eben nicht oberste Priorität. Einem Mann bzw. einer Person, die nicht die leibliche Mutter ist, kann ein Kind viel leichter weggenommen, das Sorge- und Besuchsrecht viel leichter beschnitten werden.

Wir sitzen alle im selben Boot

Im Prinzip kann also jeder unter dem Rollenverhältnis für Eltern leiden. Frauen leiden, weil ihnen unterstellt wird, dass Kinder für sie das wichtigste sind und sie verurteilt werden, wenn dem nicht so ist. Väter leiden darunter, dass von ihnen eine geringere Bindung und Verantwortung erwartet wird, was mit schlechteren Rechten bestraft wird. Jede Person, die ein Kind hat, an dessen biologischer Erschaffung sie nicht beteiligt war, erhält sogar noch weniger Rechte – unabhängig vom Geschlecht. Weicht das Geschlecht der Person nicht vom Geschlecht des biologischen Elternteils ab, mit dem ein Kind gemeinsam erzogen wird, werden sogar noch mehr Rechte abgesprochen. Die einzigen Personen, die von diesem System profitieren, sind die, die den Erwartungen der Gesellschaft absolut entsprechen: Die Frauen, die Kinder und Verantwortung wollen und voll darin aufgehen, Mutter zu sein und die Männer, die es gut finden, weniger Verantwortung übernehmen zu müssen und jederzeit weglaufen zu können.

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